Dem leitenden Oberarzt des Schmerzzentrums im Klinikum Landsberg, Dr. Johannes Fleckenstein, ist eine besondere Ehre zuteilgeworden. Er ist nun außerplanmäßiger Professor. Diesen Titel hat er aufgrund seiner herausragenden wissenschaftlichen Leistungen von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main verliehen bekommen. Diese besondere Ehrung kann nur bekommen, wer nachweisbare langjährige Verdienste in Forschung und Lehre hat.
Ein Interview mit Professor Fleckenstein:
Alexa Dorow: Herzlichen Glückwunsch – Wie haben Sie von der Auszeichnung erfahren? Was ist in diesem Moment in Ihnen vorgegangen?
Professor Fleckenstein: Ich wurde von der Goethe-Universität direkt über die Entscheidung des Senats informiert. Obwohl man weiß, dass ein solcher Antrag über Jahre durch Publikationen, Lehrtätigkeit und Gutachten vorbereitet wird, kam der Moment der tatsächlichen Ernennung dann doch sehr bewegend. Ich empfinde die außerplanmäßige Professur vor allem als Anerkennung für kontinuierliche, oft sehr kleinteilige Arbeit. Aber ohne ein Team, das wissenschaftliches Arbeiten mitträgt, wäre diese Auszeichnung nicht denkbar.
Alexa Dorow: Was ist Ihr Schwerpunkt, für den Sie diese besondere Würdigung erhalten haben?
Professor Fleckenstein: Inhaltlich bewegt sich meine Forschung an der Schnittstelle von chronischen Schmerzen, Bewegung und neuromodulativen Verfahren. Drei Themenfelder ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch mein wissenschaftliches Oeuvre:
1. Chronische Rückenschmerzen und individualisierte Bewegungstherapie: Das ist für die Praxis in einer Schmerztagesklinik hochrelevant: Chronischer Schmerz ist selten nur „strukturell“, sondern ein biopsychosoziales Gesamtgeschehen.
2. Experimentelle Schmerzforschung und Schmerzmodulation durch Belastung:
In mehreren Arbeiten haben wir untersucht, wie sich Schmerzschwellen nach intensiver körperlicher Belastung verändern
Diese experimentellen Modelle helfen zu verstehen, warum Schmerzen bei manchen Menschen abklingen, bei anderen aber in ein chronisches Muster übergehen.
3. Neuromodulative, minimalinvasive Verfahren (z. B. Akupunktur, Dry Needling, Stoßwelle, Neuraltherapie):
Wir untersuchen dabei sowohl klinische Effekte (z. B. bei chronischen Gelenk- oder Weichteilschmerzen) als auch Mechanismen auf Ebene der Schmerzverarbeitung.
Zusammengefasst: Mein Schwerpunkt ist der Brückenschlag zwischen Labor, klinischer Studie und konkreter Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen.
Alexa Dorow: Welche Auswirkungen hat der Titel auf Ihre Arbeit in der Schmerztagesklinik?
Professor Fleckenstein: Der Titel eines außerplanmäßigen Professors ändert meinen klinischen Alltag nicht von heute auf morgen – aber er schärft unser Profil als Schmerzzentrum sowie des Klinikums:
– Für die Schmerztagesklinik bedeutet es, dass wir Behandlungspfade konsequent evidenzbasiert weiterentwickeln.
– Es erleichtert zudem wissenschaftliche Kooperationen mit der Universität und anderen Zentren.
– Und es macht unser Haus als kommunales Krankenhaus mit akademischem Anspruch attraktiv für Nachwuchsärztinnen und -ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, die klinische Arbeit und wissenschaftliches Denken verbinden möchten.
Alexa Dorow: Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit besonders wichtig?
Professor Fleckenstein: Fachlich sind mir drei Dinge zentral wichtig:
1) Konsequente Orientierung an Evidenz – aber jenseits der „Kochbuchmedizin“. Randomisierte kontrollierte Studien und Metaanalysen geben uns einen Rahmen. Gleichzeitig zeigen die Daten sehr deutlich, wie heterogen Patienten auf Therapie ansprechen. Deshalb dürfen Leitlinien niemals den klinischen Blick und das Gespräch mit dem einzelnen Menschen ersetzen.
2) Verstehen statt nur „Dämpfen“ von Schmerzen. Dieses Verständnis hilft uns, Therapien zielgerichteter einzusetzen und nicht nur Symptome zu „überdecken“.
3) Respekt vor der Komplexität chronischer Schmerzen.
Chronische Schmerzen sind selten monokausal. Psychische Faktoren, soziale Belastungen, Bewegungsverhalten, Schlaf, Entzündungsprozesse und neuroplastische Veränderungen greifen ineinander. In der Schmerztagesklinik versuchen wir, genau diese Vielschichtigkeit strukturiert, aber menschlich zu adressieren – im Team aus Medizin, Psychologie, Physiotherapie und Pflege.
Und persönlich: Jede noch so gute Studie ersetzt nicht das Zuhören. Oft beginnt eine erfolgreiche Therapie damit, dass sich jemand zum ersten Mal wirklich verstanden fühlt


