Die „Wunderpille“ namens multimodale Schmerztherapie

Was ist chronischer Rückenschmerz, woher kommt er und was hat die Psyche damit zu tun? Darüber klärte Dr. Christian Moser, Chefarzt des Schmerzzentrums am Klinikum Landsberg, jetzt in einem Vortrag auf.

„Ich hab Rücken.“ Das hört man oft. Von 100.000 Menschen haben – statistisch gesehen – innerhalb eines Jahres in Deutschland sogar rund 70% immer mal wieder und 40% häufig oder dauernd Rückenschmerzen, so Dr. Moser. Das belastet nicht nur die Patienten selbst sehr, sondern kostet auch wegen der damit verbundenen Arbeitsausfälle der Solidargemeinschaft zig Milliarden Euro pro Jahr.

Ganzheitliches Konzept

Zur interdisziplinären Behandlung der betroffenen Patienten gibt es am Klinikum Landsberg ein umfangreiches, ganzheitliches Behandlungskonzept. In einer ausführlichen Diagnostik wird geklärt, ob es sich um einen „spezifischen“ Rückenschmerz handelt, also eine klar definierte körperliche Ursache vorliegt (beispielsweise Entzündungen, Unfallschäden, Frakturen, schwere Bandscheibenvorfälle etc.). Hier kümmert sich Dr. Manfred Schneider (Leitender Oberarzt der Wirbelsäulenchirurgie und Leiter des interdisziplinären Wirbelsäulenzentrums) mit seinem Team um die Patienten.

Handelt es sich um einen „nicht-spezifischen“ Rückenschmerz (ca. 90%), auf der Grundlage bio-psycho-sozialer Ursachen, ist das interdisziplinäre Schmerzzentrum am Klinikum Landsberg mit Chefarzt Dr. Moser und seinem Team zuständig.

Wichtig: Beide Seiten stehen nicht für sich, sondern arbeiten eng und übergreifend – also interdisziplinär – auch mit vielen weiteren Kollegen zusammen, um den Betroffenen bestmöglich und mit verschiedenen Therapien helfen zu können. „Das Behandlungskonzept mit diesen zwei Säulen ist sehr effektiv.“

Das emotionale Gehirn spielt eine große Rolle

Der Chefarzt erläuterte zunächst den Aufbau der Wirbelsäule, der Rücken- und Bauchmuskulatur, der Gelenke, Faszien und der Bänder sowie die Bedeutung der „inneren“ stabilisierenden Muskelsysteme. Und er sprach über die Definition von „Chronischem Schmerz“ – darüber haben sich viele Mediziner in den vergangenen Jahrzehnten die Köpfe zerbrochen und festgestellt, dass oft das Schmerzgedächtnis eine größere Rolle spielt, als das Schmerzereignis selbst, so Dr. Moser. Das „emotionale“ Gehirn spielt beim Schmerzempfinden also eine essentielle Rolle.

Denn nicht nur körperliche Faktoren „spielen“ mit. So sei jeder dritte Rückenschmerz laut einer Patientenumfrage stressbedingt, zum Beispiel ausgelöst durch (Ver-)Spannungen am Arbeitsplatz. Viele Menschen geben seelische Belastungen als Ursache für ihre Schmerzen an – oft ist ein Teufelskreis die Folge. Ganz besonders, wenn der Schmerz chronisch wird und sich auf das ganze Leben der Patienten auswirkt: Bewegungseinschränkungen, Schlafstörungen, Arbeitsunfähigkeit, Rückzug und Depressionen können die Folge sein.

Der Schmerz wird zum Mittelpunkt des Denkens und des Handelns

Und die Frage nach dem Warum, nach der Ursache des Schmerzes, stellt sich immer wieder. Dr. Moser: „Nach aktuellen Forschungsergebnissen gelten etwa 85-90 Prozent aller Rückenschmerzen als „nicht spezifisch“. Und diese lassen sich nicht auf eindeutig krankhafte körperliche Veränderungen zurückführen.“ Der Chefarzt betont: „So schmerzhaft Rückenschmerzen auch sein mögen: In der Regel sind sie harmlos und verschwinden wieder. Oft besteht ein Zusammenhang zu physischen und psychischen Stressfaktoren. Dauern sie allerdings lange an, kehren häufig wieder, oder werden einseitig somatisch behandelt, besteht die Gefahr, dass sie chronisch werden.“

Dramatisch: Kinder sitzen zu viel vor Computer und TV

Eine besonders dramatische Entwicklung sieht Dr. Moser übrigens auch bei Kindern und Jugendlichen, die heutzutage neben Kopf- und Bauchschmerzen ebenfalls oftmals über Rückenschmerzen klagen: Sie leiden unter Leistungsdruck und verbringen zu viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer – Spielen und Toben wäre viel gesünder.

Seit 13 Jahren Schmerztherapie in Landsberg

„Die Wunderpille gibt es als Schmerzmedikament bei chronischen Rückenschmerzen nicht, aber nach über 20 Jahren internationaler Erfahrung und wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit – kommt die multimodale Schmerztherapie in den Focus, so Dr. Moser weiter.

Und was ist das nun genau?

Das aufeinander abgestimmte Zusammenwirken von spezialisierten Ärzten, Psychologen, Sport- und Physiotherapeuten, Ergo-, Co-Therapeuten, Pflegekräften und Sozialarbeitern in der Therapie chronifizierter Schmerzsyndrome. In einem inhaltlich, zeitlich und in der Vorgehensweise abgestimmten Behandlungsplan, mit unter den Therapeuten und den Patienten abgesprochenen Therapiezielen, werden gemeinsam alltagstaugliche Schmerzbewältigungs- und Selbsthilfestrategien, nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ entwickelt, erklärte Dr. Moser.

Ziele dieser Behandlung, die im Schmerzzentrum am Klinikum Landsberg seit über 13 Jahren angeboten wird:

  • Linderung der Schmerzen sowie verbesserter Umgang mit den Schmerzen, Vermeidung weiterer Chronifizierung
  • Vermittlung einer ganzheitlichen Sichtweise im Sinne des bio-psycho-sozialen Modells
  • Stärkung der Eigenkompetenz und Übernahme von Eigenverantwortung
  • Förderung von Lebensqualität und Lebenszufriedenheit
  • Stabilisierung und Aufbau sozialer Beziehungen
  • Steigerung von Aktivität und Ausdauer
  • Stärkung der lokalen WS- und Rumpfstabilisierenden Muskelsysteme, Verminderung von Dysbalancen
  • Erhaltung und Verbesserung der Beweglichkeit
  • Erhaltung und Verbesserung der Koordination und Körperwahrnehmung
  • Berufliche Wiedereingliederung

In dem Programm enthalten sind ärztliche und psychologische Einzelgespräche, Schulungen und Schmerzkunde, verhaltenstherapeutisch basierte Gruppentherapie, aktive Entspannungsverfahren, körperliche Aktivierung, mit Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Entwicklung eines Heimübungsprogrammes, Kreativtherapie, Atem- und Wahrnehmungsübungen, medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapieverfahren, naturheilkundliche Therapiemodule, Ernährungsberatung und vieles mehr.

Alltags- und berufsbegleitend

Der alltags- und berufsbegleitende Aspekt steht bei dem multimodalen Rückenschmerzprogramm, das über 8-10 Wochen, jeweils dienstags und donnerstags von 09:00 Uhr – 15:00 Uhr stattfindet, an erster Stelle.

Die rasche Integration der hilfreichen Techniken in die Alltagsabläufe wird durch das tagesklinische Setting gefördert.

Dr. Mosers Fazit: „Durch aktive Teilnahme an einem interdisziplinären, multimodalen Therapieprogramm, können chronische Rückenschmerzpatienten erwiesenermaßen ihre Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit, die Stimmung und Lebensqualität, den körperlichen Schmerz, die schmerzbedingten Beeinträchtigungen und als ökonomischen Aspekt, den Verbrauch der Ressourcen des Gesundheitssystems langfristig verbessern.“

Eine richtige „Wunderpille“ gegen chronischen Rückenschmerz gibt es zwar nicht. Aber dosierte Bewegung, gezielte Muskelarbeit, aktive Spannungs- und Stressregulation und umfassende Information im Rahmen eines ganzheitlichen Therapieansatzes komme einer solchen Wunderpille gleich.

Nähere Informationen:

Schmerzzentrum

Chefarzt Dr. med. Christian Moser

Sekretariat: Tel: 08191-333 1480

www.klinikum-landsberg.de

 

 

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