Was macht Corona mit unseren Kindern? Der Bericht zum Vortrag

Was macht Corona mit unseren Kindern – medizinisch, sozial und psychisch?

Darüber sprach Dr. Alexander Schnelke, Chefarzt der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Landsberg, beim Onlinevortrag in der Reihe „Donnerstags im Klinikum“. Hier können Sie einen ausführlichen Artikel dazu lesen:

Zunächst beleuchtete Dr. Schnelke die medizinischen Aspekte bei Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise. So sprach er über PIMS (Pädiatrisches Inflammatorisches Multiorgan-Syndrom), das in Zeiten der Corona-Pandemie immer wieder aufgetreten ist: PIMS ist eine pädiatrische Entzündungserkrankung, die mehrere Organe betrifft. Dieses Syndrom kann zwar in Zusammenhang mit Covid 19 stehen, aber nicht zwingend. Auffällig war allerdings, dass es zeitgleich zu Corona viele Erkrankungen dieser Art gab. Deswegen, so erklärte Dr. Schnelke, wird das Ganze als „Syndrom“ bezeichnet – in der Medizin ist das immer ein Ausdruck dafür, dass nicht vollends klar ist, wo es genau herkommt und in welchem Zusammenhang es – in diesem Fall – mit Covid 19 steht.

Die medizinischen und die indirekten Folgen

Überhaupt hat sich während der Pandemie viel medizinisch Auffälliges abgespielt, das nicht im direkten Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung stehen muss, wohl aber eine indirekte Folge der Pandemie sein kann: So führte Dr. Schnelke anhand von Studien an, dass die Kurzsichtigkeit bei Kindern (Schuld ist unter anderem das ständige Schauen auf Tablets und Handys), aber auch Augenverätzungen zugenommen haben bzw. verstärkt vorgekommen sind. Augenverätzungen sind laut einer französischen Studie sogar um das Siebenfache angestiegen – Grund: Die Desinfektionsmittelspender sind oft auf Augenhöhe von Kindern angebracht. Wenn sich die Eltern also energisch damit die Hände desinfizieren, kann die Flüssigkeit in die Augen der daneben stehenden Kinder spritzen. Oder die Kinder reiben sich das Mittel versehentlich selbst in die Augen.

Auch Vergiftungen mit Desinfektionsmitteln sind angestiegen – manche Kleinkinder nahmen offenbar einen Schluck aus der kleinen blauen Flasche…

Zudem erläuterte Dr. Schnelke die ganz klassischen Symptome und den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Das Problem: Es ist nicht wirklich klar, ab welchem Punkt man ansteckend ist. Sinnvoll ist es auf jeden Fall, sofort an dem Tag, an dem man mit einem Corona-Erkrankten Kontakt hatte, einen Test zu bekommen sowie fünf Tage später noch einen weiteren, so der Chefarzt. Denn das ist der Inkubationszeitraum – und es wird davon ausgegangen, dass die infektiöse Phase rund 14 Tage lang dauert. Daher auch die allgemeine zweiwöchige Quarantänepflicht. Noch nicht geklärt ist die Frage, wie lange die Immunität nach einer überstandenen Erkrankung anhält.

Welche Symptome haben Kinder, wenn sie an SARS-Cov-2 erkrankt sind?

Ähnlich wie bei den Erwachsenen haben Kinder auch Fieber/Allgemeinsymptome (68 Prozent), Infektionen der oberen Atemwege (38 Prozent), Gastrointestinale Symptome (21 Prozent – dies kommt bei Erwachsenen deutlich weniger vor). Die mittleren und unteren Atemwege (Bronchitis, Pneumonie) liegen bei etwa 11 Prozent. Und die schwereren Krankheitsverläufe betreffen ungefähr 8 Prozent. Letzteres, so betonte Dr. Schnelke aber, betreffe hauptsächlich Kinder, die schon Vorerkrankungen haben.

Problematisch ist es dann, wenn die Kinder kein Fieber oder weitere Symptome haben – die Viruslast aber trotzdem mit sich tragen, also ansteckend sind.

Allgemein fasste Dr. Schnelke zusammen: Bei Kindern verläuft Corona wesentlich harmloser als bei Erwachsenen.

Zur Behandlung der stationären Fällen, erklärte Dr. Schnelke, steht nur eine symptomatische Behandlung zur Verfügung: Hat ein Kind Corona, kann es im Krankenhaus mit Sauerstoff versorgt werden, bzw. mit Ibuprofen/Paracetamol zum Fiebersenken. In Ausnahmefällen kommen auch Cortison oder ein Antibiotikum zum Einsatz (z.B. bei längeren Verläufen mit Sekundärinfektionen).

Von Covid-19 sind übrigens (gemessen an den stationären Fällen) genauso viele Jungen wie Mädchen betroffen, die Mehrheit davon im Kleinkindalter. Bei PIMS hingegen sind überwiegend Schulkinder und Jugendliche und hier ganz besonders häufig die Jungs (zwei Drittel) betroffen – hierbei sind Fieber, Herz-Kreislauf, Magen-/Darm- und Hautprobleme (Ausschlag und Schuppungen) die häufigsten Symptome.

Die Therapie bei PIMS-Fällen unterscheidet sich erheblich von der Covid-19-Therapie. Bei PIMS kommt eine immunmodulatorische Therapie (Cortison und/oder Immunglobuline) zum Einsatz, dazu noch die Antibiotikatherapie oder mitunter auch Adrenalingabe und/oder die Unterstützung der Atmung sind nötig – dies zeigt deutlich, so Dr. Schnelke, dass dieses Krankheitsbild (PIMS) das Kind sehr viel mehr mitnimmt, als Covid 19.

Long Covid oder eher Long Lockdown?

Auch das Thema „Long Covid“ griff der Chefarzt auf: Nach einer Covid-Erkrankung – egal ob leicht oder schwer –  können sich einige Symptome eine Zeit lang (bis hin zu mehreren Wochen) bemerkbar machen, zum Beispiel: Abgeschlagenheit, Husten, Hautausschläge, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme, Gliederschmerzen oder Geschmack- und Geruchsverlust. Insgesamt, so der Chefarzt, sind Kinder seltener von Long Covid betroffen, als Erwachsene.

Die ganz große andere – noch ungeklärte – Frage sei laut Dr. Schnelke aber: „Ist das überhaupt ‚Long Covid‘ oder ist das vielleicht ein ‚Long Lockdown‘?“ … denn unspezifische Symptome wie Abgeschlagenheit, Konzentrationsstörungen oder Schlafstörungen könne man genauso gut auch dem langen Lockdown und all den damit verbundenen Umständen zuordnen.

Was machen WIR mit unseren Kindern? 

Und ab hier sollte der Titel des Vortrags eigentlich nicht mehr lauten „Was macht Corona mit unseren Kindern?“, sondern „Was machen wir mit unseren Kindern?“, gab der Chefarzt zu bedenken. Denn es gebe zahlreiche Auswirkungen der Corona-Maßnahmen, die Ärzte, Eltern, Lehrer und Politiker ergriffen haben.

Zwar, das betonte Dr. Schnelke auch, sei nicht alles schlecht, was die Corona-Pandemie und der Lockdown mit sich brachten, es gab auch ein paar „positive Nebenwirkungen“. So wurden Kinderärzte und -kliniken in dieser Zeit erheblich weniger aufgesucht, weil die Infektionen der Atemwege und Darminfektionen etc. durch die Hygienemaßnahmen (Maske, Desinfektion  etc.) drastisch zurückgegangen sind.  Auch gab es – das sei ein weltweites Phänomen – viel weniger Frühgeburten, und erheblich weniger Fälle von Alkoholintoxikationen bei Jugendlichen.

Weniger schön war allerdings die Tatsache, dass durch die gesunkenen Arzttbesuche auch weniger oder verspätete Diagnosen gestellt werden konnten, so Dr. Schnelke weiter. Besonders kritisch sei das bei Kindern mit Diabetes mellitus Typ 1, die oft mit einem sehr schlechten Zustand (hohe Zuckerwerte etc.) ins Krankenhaus kamen und dadurch sofort auf der Intensivstation behandelt werden mussten, bis es ihnen wieder halbwegs besser ging.

Auch ein hoher Operationsrückgang war in den vergangenen beiden Jahren zu verzeichnen.

Und eben das Thema Kurzsichtigkeit, die bei Kindern und Jugendlichen mehr und mehr zunimmt. Dr. Schnelke nannte ein Beispiel: Vor 60 Jahren waren ungefähr 20 Prozent der Chinesen kurzsichtig – jetzt sind es 90 Prozent. In Deutschland sind es derzeit 25 Prozent. Ursache laut Augenärzten: Die Kinder halten sich nicht mehr genügend im Freien auf und schauen nicht mehr in die Ferne, sondern nur noch auf Bildschirme, Tablets oder Handys. Die Kinder bekommen zu wenig natürliches Licht in die Augen, wenn sie den ganzen Tag bei Homeschooling und Co. zuhause sitzen und nicht mehr draußen verweilen. Positive Nachricht: Laut einer weiteren Studie aus Taiwan kann man das Ganze auch wieder umkehren – sprich, wenn die Kinder und Jugendlichen wieder mehr ins Freie gehen, und zwar täglich für mindestens zwei Stunden, gelang es tatsächlich, die Kurzsichtigkeitsrate wieder zu reduzieren.

Die psychischen Aspekte

Der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin beleuchtete auch die psychischen Aspekte der Corona-Pandemie:

Kinderpsychologen und -psychiater bestätigen: Die Therapien wegen Depressionen, Ess- und Angststörungen nehmen eindeutig zu, ebenso die stationären Einweisungen. Laut einer groß angelegten Studie zeigt jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten seit Beginn der Coronapandemie, beispielsweise psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen. Zukunftsangst spielt bei den Kindern außerdem eine relativ große Rolle, so Dr. Schnelke.

Besorgniserregend sei außerdem das veränderte Medienverhalten der Kinder und Jugendlichen in Zeiten des Lockdowns – und den damit verbundenen unstrukturierten Tagesabläufen. Anhand einer Grafik zeigt Dr. Schnelke, dass neben Fernsehen auch Tablets, Computer, Handys, Videospiele  etc. deutlich mehr von Kindern jeden Alters genutzt wurden. Die Folgen können bei ganz kleinen Kindern eine verzögerte Sprachentwicklung und verzögerte motorische Fähigkeiten sowie ein erhöhtes Risiko für ADHS und Depressionen sein. Deutsche Wissenschaftler raten daher dazu, dass Kinder unter drei Jahren überhaupt keine elektronischen Medien konsumieren.

Die sozialen Aspekte

Auch die sozialen Aspekte der Corona-Krise sind nicht unerheblich, wie Dr. Schnelke weiter ausführte: Die sportliche Aktivität sei beispielsweise stark rückläufig (sowohl Schule als auch Freizeit), dazu ernähren sich die Kinder noch ungesünder, weil sie vor den elektronischen Medien sitzen und dabei Süßigkeiten naschen. „Es gibt bereits Berechnungen, dass die Zahl der übergewichtigen Kinder noch weiter zunehmen wird.“

Und dass die sportliche Aktivität insbesondere im Mannschaftssportbereich zurückgegangen ist, ist laut Dr. Schnelke auf sozialer Ebene ein richtig großes Problem. Denn Mannschaftssport hat viele soziale Komponenten – Kinder werden in soziale Verbände eingeführt, es geht dann nicht mehr nur immer um „mich, mich, mich“, sondern darum, teamfähig zu werden, auf andere einzugehen. Zudem lernen die Kinder beim Sport auch den Umgang mit Sieg und Niederlage – sie lernen, Konflikte zu lösen.

„Die familiäre Verinselung“

Ein weiterer sozialer Aspekt: Es gab mehr Streit in den Familien, zum einen, weil alle mehr Zeit miteinander verbracht haben. Aber auch, weil die Eltern selbst sehr belastet waren – mit Homeoffice, Homeschooling, Zukunftsängsten etc. Ganz besonders das Homeschooling stellte die Familien vor große Herausforderungen: „Es gab ja bis vor Kurzem noch 80 Millionen Virologen und auch genauso viele  Bundestrainer – aber ganz sicher gab es nicht 80 Millionen Pädagogen in Deutschland“, so Dr. Schnelke. Da gehöre mehr Ausbildung und Technik dazu, damit man eine gute Wissensvermittlung hinbekommt. Die Eltern sind dafür in vielen Bereichen nicht geeignet oder waren überfordert – auch das war oft der Grund für Streitigkeiten in den Familien.

Die Kinder selbst berichten zudem oft über ein schlechteres Verhältnis zu ihren Freunden, weil sie sie einfach nicht mehr so häufig sehen konnten.

Kleinere Kinder können das Lernen von älteren Kindern keinesfalls durch virtuelle Kontakte ersetzen, sie lernen ja vielfach von den nächst Älteren in der Kindergartengruppe.

Ein Begriff, den Dr. Schnelke hier für sehr treffend hält: „die familiäre Verinselung“.

Ein weiteres ganz großes Thema: Die Bildungsgerechtigkeit sinkt dramatisch. Deutschland sei hier zwar noch nie führend gewesen, so Dr. Schnelke, es habe hier schon immer eine Schieflage zu einkommensschwächeren Familien oder Kindern mit Migrationshintergrund gegeben. Aber durch den Lockdown ist dies alles nochmal in einer deutlich größere Schieflage geraten, so Dr. Schnelke. Beispiel: Die Gymnasien wurden nach dem Lockdown als erste wieder geöffnet, also eine Schulart, die ohnehin schon eher privilegiert ist.

Bei der Wiederöffnung in den Wechsel- und Präsenzunterricht habe man leider nicht auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler Rücksicht genommen. Gerade die Kinder aus einkommensschwachen Familien und mit Migrationshintergrund brauchen diese Struktur des täglichen Schulalltags aber dringend, so der Chefarzt. Ausbleibender Schulunterricht verminderte ganz klar die Kompetenzentwicklung und verringere damit auf Dauer gesehen auch das Erwerbseinkommen. Nach ersten Berechnungen werde diese Generation drei bis vier Prozent weniger verdienen, als die Generationen, die ohne Covid 19 groß geworden sind.

Die Folgen des Maskentragens

Auch auf das Thema Masken ging Dr. Schnelke ein: Es gebe bezüglich Masken bei Kindern keine herstellerunabhängigen Studien. Die Maske ist als Medizinprodukt im Arbeitsschutz ganz klar definiert, aber eben nicht für das Kindesalter. Daher entstand das sogenannte Co-Ki-Register (Corona-Kinder-Register): Hier konnten Ärzte, Lehrer, Eltern etc. via Internetplattform Angaben zu Beschwerden machen, die durch Masken hervorgerufen werden können. Die häufigsten waren: Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, Unwohlsein, Benommenheit/Müdigkeit und Ausschläge. Diese Angaben seien zwar sehr subjektiv, wenngleich klar sein dürfte, dass das Maskentragen bei Kindern nicht ohne Folgen sei, so Dr. Schnelke. Auch die Langzeitfolgen sind nicht erforscht – generell fehle eine Nutzen-Risiko-Analyse für das Kindesalter.

Kinder leiden besonders an den indirekten Folgen der Pandemie

Abschließend erklärte Dr. Schnelke: Weltweit leiden Neugeborene, Kinder, Jugendliche und Frauen am meisten unter der Corona-Pandemie – vor allem an den indirekten Folgen. Ganz besonderes sei dies in den ärmeren Ländern ohne gutes medizinisches System der Fall. Weil medizinisches Personal dort zum Einsatz für Corona-Kranke abgezogen wurde, konnten beispielsweise Schwangere nicht mehr so gut überwacht werden. Daher kann es laut neuesten Studien zu einem Anstieg der Totgeburten kommen. Und die Impfprogramme für Kinder in den armen Ländern kommen völlig durcheinander – die Zahlen für Masern und Polio steigen weltweit wieder an, weil rund  80 Millionen Kinder nicht zeitgerecht geimpft wurden. Die Übernahme der Lockdownprogramme führe laut Dr. Schnelke in diesen ärmeren Ländern zu Entlassungen von Tagelöhnern und Slumbewohnern (Beispiel Indien).

Die Folge: Hunger und Armut nehmen weiter zu. Das Welternährungsprogramm rechnet mit einer Zunahme von 130 Millionen Hungernden auf 265 Millionen Hungernde innerhalb kürzester Zeit. Es fehle die soziale Absicherung. Und die Leidtragenden bei all dem seien ganz besonders die Kinder. Zudem befürchtet Dr. Schnelke, ob all das auch zu einer zunehmenden Migration führen wird  – was sich wiederum auch in Deutschland bemerkbar machen könnte.

Eine besonders dramatische Zahl nannte Dr. Schnelke zum Abschluss des Vortrags: Im April 2020 – also auf dem Höhepunkt des Corona-Lockdowns – besuchten 1,48 Milliarden Schüler und Schülerinnen in 166 Ländern nicht die Schule.

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